Marcus Lütkemeyer

Christof John

Strenggenommen darf Christof John als Maler bezeichnet werden. Dabei ist das faszinierende Moment seiner facettenreichen, sich stets weiterentwickelnden Praxis ein dialektischer Ansatz. So wächst mit zunehmendem Einblick in seine Werkprozesse der irritierende Eindruck, dass es womöglich weniger um die große malerische Raffinesse geht, etwa die in leuchtenden Farben vielschichtig aufgetragenen, abstrakt geometrischen Muster im Rapport, die bisweilen in eins fallen können mit den ungewöhnlichen Formaten der Bildträger selbst, sondern vielmehr um das, was nicht gemalt ist (werden kann) – der (unsichtbare) Raum, in dem die Malereien auftauchen und sich situieren. Damit liefern seine Arbeiten weder eine Verführung des schönen Scheins, als die Zuversicht auf ein mögliches Dahinter, von dem sich ohnehin nicht das Geringste versprochen werden dürfte. Noch laden sie über ihre Motive phänomenologisch zur Rezeptionspause ein. Stattdessen machen sie den Raum porös und perforieren ihn an ihren Rändern, um auf etwas zu schauen, das bis dahin noch nicht im Blick war – etwas Latentes, Impliziertes nur im Schatten in einem intermediären Zustand existierendes. Und sobald unser Blick den Schleier an den Rändern heben will, um dessen Substanz ans Licht zu bringen, fallen wir zurück auf unsere eigene Illusion, so, als wäre die maximale Erkenntnis immer nur die Sicht auf den eigenen Hinterkopf. Allein kostbar ist genau der Moment in der Betrachtung der Malereien von Christof John, der dieses Daneben zu Anschauung bringt, als einen Ort, weder Fläche noch Raum, weder bunt noch unfarbig, sondern als eine Superposition, der Quantenmechanik vergleichbar, in der sich die Quanten auch erst im Akt der Wechselwirkung gegenüber dem manifestieren, mit dem sie wechselwirken. Und in einem solchen Modell weitergedacht, ist nicht auch die eigentlich sensationelle Entdeckung, die sich in der Quantentheorie ganz nebenbei versteckt, die Beteiligung des Beobachters? Denn nicht stört diese das Experiment, sondern erschafft erst die Phänomene, da sie einen Zustand festlegt aus der Summe aller Möglichkeiten. Und als einen solchen Zustand können wir im Gegenüber der Bilder von Christof John unsere eigene, immer gegebene Raumbezogenheit und unsere sich stetig ändernden räumlichen Beziehungen erfahren – ein lebendiger Spiegel, insofern wir darin etwas vom Menschsein erkennen, weil wir von uns selbst absehen.

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